Wieder durchlief ein Zittern meinen Körper und Gänsehaut bildete sich auf meinen nackten Armen. Ich strich mit unsicheren Fingern darüber, befreite meine Haut von den letzten Sandkörnern, die noch darauf klebten und wünschte mir insgeheim die wohlige Wärme jenes schwarzen Jacketts zurück, das ich bis vor Kurzem noch getragen hatte. Wie närrisch, schollt ich mich selbst für diesen Gedanken und sah mich schnell um, weil ich das Gefühl hatte, meine absurden Gedanken lägen für jeden offen lesbar auf meinem Gesicht, aber dabei schien nicht mal jemand gemerkt zu haben, dass ich fortgewesen war.
Zumindest alle, bis auf Jacob.
Pflichtschuldig stand ich abseits der improvisierten Bar und wartete darauf, dass er zurück kam. Ich beobachtete still die Menschen um mich herum. Versuchte im weichen Schein der Laternen und Fackeln an ihren Gesichtern abzulesen, was sie wohl dachten oder fühlten. Meine Augen strichen unruhig über jeden einzelnen Gast hinweg und mein Herz machte jedes Mal einen aufgeregten kleinen Satz, wenn ich wieder in ein Paar unbekannte Augen blickte und dann doch nicht denjenigen sah, den ich suchte.
Hatte er nicht gesagt, er wäre hier?
Du benimmst dich kindisch, Bella, flüsterte mein inneres Ich, und ich schüttelte über mich selbst den Kopf, weil ich meine Gedanken an jemanden verschwendete, der nur zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war, anstatt mich auf das eigentlich Wesentliche zu konzentrieren. Wer war er schon, dieser Mr. Cullen, dass ich nicht aufhören konnte an ihn zu denken? Sollte ich nicht eigentlich zitternd und ängstlich in einer Ecke hocken? Schreien und weinen, weil Nigel Hunting mich angegriffen und fast vergewaltigt hatte? Wo blieb meine Panik? Der Schock über das gerade erlebte? Hatte ich plötzlich meinen gesunden Menschenverstand verloren, nur weil ein Unbekannter wie aus dem Nichts aufgetaucht war und sich als Retter in letzter Not erwies?
Meine Hände umklammerten den Saum meines Kleides immer fester. Sie waren feucht, ebenso wie der schwarze Seidenstoff, den der auffrischende Wind unangenehm an meinen Körper presste, sodass ich nicht aufhören konnte zu zittern, obwohl ich einen Teil meiner körperlichen Reaktion auch meiner aufsteigenden Wut zuschrieb und nicht nur der nächtlichen Kühle. Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder. Dabei war die Begegnung mit diesem fremden Mann viel zu kurz gewesen, als das ich so übertrieben heftig auf ihn reagieren sollte. Wahrscheinlich würde ich ihn sowieso nicht mehr wiedersehen, und wenn doch, dann wäre er nicht halb so beeindruckend, wie ich mir gerade einbildete.
„Hier, trink einen Schluck“, hörte ich Jacob dann endlich leise sagen und schreckte aus meinen Gedanken hoch.
Er drückte mir ein Glas Brandy in die Hand, welches ich in einem Zug austrank, damit der hochprozentige Alkohol meine angespannten Nerven beruhigte und meinen Körper von innen heraus erwärmte.
„Danke.“
Seine dunklen Augen waren nicht zu lesen, als ich ihn ansah und sein schönes Gesicht betrachtete. Im Schein der Kerzen wirkte jede Erhebung, der Schwung seiner Lippen, die Form seines Kiefers, wie aus Stein gemeißelt und markanter als bei Tageslicht. Aber auch Zorn machte seine Züge härter, denn ein kleiner, mir sehr bekannter Muskel an seiner Schläfe zitterte angespannt. Unwillkürlich fühlte ich mich beschämt und sah weg.
„Es… tut mir leid.“
„Das sollte es auch, Bella“, antworte er mit schneidender Stimme und strich über meinen linken Arm, um mich trotzdem gleichzeitig zu wärmen. „Du hast mir einen riesen Schrecken eingejagt.“
Reumütig riss ich die Augen auf, blickte ihn ein paar Sekunden lang an und sah mich dann schnell und gründlich um.
„Aber…“, wollte ich entgegnen, doch dann erkannte ich die Sorge in seinem Blick. „Wie lange war ich denn schon weg?“
„Über eine Stunde“, seufzte er.
„Oh! Ich hab gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist…“
„Da habe ich gemerkt.“
„Oh! Ich hab gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist…“
„Da habe ich gemerkt.“
Unwillkürlich ließ ich meine Augen über die anderen Gäste wandern.
„Was hattest du überhaupt am Strand zu suchen?“
„Ich… wollte einen Moment allein sein. Die Nacht ist so schön und ich wollte das Meer im Mondschein sehen. Dad und ich sind so selten hier.“
„Aber die Party deines Vaters, Bella, du kannst doch nicht einfach abhauen ohne jemandem Bescheid zu sagen.“
„Ich weiß, es tut mir leid.“
„Und wer war dieser… wie hieß er noch? Mr. Collin?“
„Cullen!“, rief ich. „Sein Name ist Edward Cullen.“
„Egal. Wer ist das?“
„Eww… Keine Ahnung, ich dachte du könntest mir das vielleicht sagen, denn ich kannte ihn nicht.“
„Nein! Woher auch? Er hat sich doch erst vorgestellt, als ich euch beide zusammen getroffen habe.“
„Hm“, machte ich nachdenklich und zog die Brauen zusammen. „Mein Vater hat ihn eingeladen… jedenfalls hat er das behauptet, aber ich habe ihn noch nie zuvor irgendwo gesehen.“
„Er ist nicht aus New York? Keiner seiner Freunde? Geschäftspartner? Bekannter?“
„Nein, ich denke nicht.“
„Aber wer ist er dann?“
„Nein! Woher auch? Er hat sich doch erst vorgestellt, als ich euch beide zusammen getroffen habe.“
„Hm“, machte ich nachdenklich und zog die Brauen zusammen. „Mein Vater hat ihn eingeladen… jedenfalls hat er das behauptet, aber ich habe ihn noch nie zuvor irgendwo gesehen.“
„Er ist nicht aus New York? Keiner seiner Freunde? Geschäftspartner? Bekannter?“
„Nein, ich denke nicht.“
„Aber wer ist er dann?“
Ich hatte natürlich eine vage Vorahnung, konnte meine Vermutung Jacob gegenüber aber nicht aussprechen, weil ich meinem Vater das Versprechen gegeben hatte über dessen interne Firmenangelegenheiten nichts zu sagen – auch nicht zu meinem besten Freund. Also zuckte ich lediglich mit den Schultern und winkte ab.
„Ich weiß wirklich nicht, wer oder was er ist, Jake. Aber irgendetwas muss er mit Dad zu tun haben, sonst hätte dieser ihn nicht eingeladen. Aus reinem Pflichtgefühl heraus macht er so etwas ganz bestimmt nicht.“
„Stimmt… habt ihr euch denn gar nicht näher unterhalten?“
„Ähh, doch… ein bisschen.“
Ich wich seinem Blick aus und Jacob beugte sich vor.
„Worüber?“, war seine schlichte Frage und ich musste tief durchatmen, denn das, was jetzt kam, würde ihm überhaupt nicht gefallen, aber Jacob anzulügen war von vorneherein ein Ding der Unmöglichkeit.
„Stimmt… habt ihr euch denn gar nicht näher unterhalten?“
„Ähh, doch… ein bisschen.“
Ich wich seinem Blick aus und Jacob beugte sich vor.
„Worüber?“, war seine schlichte Frage und ich musste tief durchatmen, denn das, was jetzt kam, würde ihm überhaupt nicht gefallen, aber Jacob anzulügen war von vorneherein ein Ding der Unmöglichkeit.
Wir kannten uns einfach viel zu gut.
„Er hat mich vor Nigel gerettet“, murmelte ich schnell, um es hinter mich zu bringen und schaute pflichtschuldig und beschämt beiseite.
„Er hat mich vor Nigel gerettet“, murmelte ich schnell, um es hinter mich zu bringen und schaute pflichtschuldig und beschämt beiseite.
Warum nur, hatte ich das Gefühl, mir schuldig vorzukommen? Ich hatte doch schließlich nichts getan! Ein Zeigefinger legte sich unter mein Kinn und Jacob zwang mich sanft ihn anzusehen. Das Fragezeichen in seinem Gesicht war mehr als überdeutlich und sein verständnisloser Blick vertiefte sich, je länger die Sekunden zwischen uns verstrichen und er stumm in meinem Gesicht zu lesen versuchte. Langsam neigte er den Kopf, schüttelte ihn und versuchte aus meinen wenigen Worten irgendwie schlau zu werden.
„Wie meinst du das?“
Ich wusste, Jacob sollte die ganze Wahrheit wissen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich sie ihm nicht erzählen. War es Angst? Egoismus? Selbstschutz? Oder einfach nur Dummheit? Meine innere Stimme flüsterte mir jedenfalls zu, es nicht zu tun, denn ich wollte diesem mysteriösen Mister Cullen nicht mehr Bedeutung beimessen, als er sowieso schon hatte. Er spukte bereits viel zu tief in meinen Gedanken herum und ihn jetzt auch noch vor Jacob als meinen edlen Retter zu präsentieren, wäre einfach nicht richtig in meinen Augen. Also erzählte ich ihm nur den Teil der Wahrheit, der wirklich von Bedeutung war.
„Nigel hatte getrunken, mal wieder. Er ist mir unten am Wasser begegnet und wurde aufdringlich. Er hat lauter dummes Zeug geredet – nichts Wichtiges - und wollte mich nicht gehen lassen, bis dieser…“, sprach ich den Namen absichtlich so abschätzig aus, „dieser Mr. Cullen aufgetaucht ist und Nigel verjagt hat.“
Und erstaunlicherweise hinterfragte Jacob mein kleines Täuschungsmanöver nicht. Er ließ sich meine Worte einfach durch den Kopf gehen, nickte dann stumm und kam zu dem gleichen Schluss, wie ich sonst auch immer, hätte ich an diesem Abend nicht erlebt, wie falsch ich eigentlich damit lag.
„Nigel ist einfach unverbesserlich. Ich weiß nicht, warum er immer wieder so über die Stränge schlagen muss. Irgendwann passiert ihm nochmal was, oder er macht sich gänzlich lächerlich, wenn er weiter so viel trinkt. Ich verstehe nicht, warum dein Vater ihn immer wieder einladen muss.“
„Er gehört irgendwie zur Familie. Dad und James sind enge Freunde, er kann Nigel nicht übergehen.“
„Ja… leider.“
Wir tauschten einen langen Blick und hingen schweigend unseren Kindheitserinnerungen nach. Während Jacob und ich schon immer die besten Freunde waren, stand Nigel immer etwas außen vor. Obwohl er im gleichen Alter war wie wir und dieselben Privatschulen besucht hatte, war zwischen uns nie diese enge Verbundenheit entstanden, wie zwischen unseren drei Vätern. Nigel war und blieb der Ausgestoßene und durch seine regelmäßigen Eskapaden, die sein Vater alle geflissentlich unter den Teppich kehrte, drängte er sich mehr und mehr ins Abseits. Ich fragte mich im Stillen, was wohl passiert wäre, wenn Edward Cullen mich nicht rechtzeitig gefunden hätte? Wäre Nigel wirklich zu weit gegangen? Bis zum Äußersten? Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken und Jacob hob verwundert eine Augenbraue.
„Du frierst ja immer noch“, sagte er sanft und rieb kräftiger über meinen Arm. „Vielleicht solltest du dir eine Jacke holen.“
Ich wusste, Jacob sollte die ganze Wahrheit wissen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich sie ihm nicht erzählen. War es Angst? Egoismus? Selbstschutz? Oder einfach nur Dummheit? Meine innere Stimme flüsterte mir jedenfalls zu, es nicht zu tun, denn ich wollte diesem mysteriösen Mister Cullen nicht mehr Bedeutung beimessen, als er sowieso schon hatte. Er spukte bereits viel zu tief in meinen Gedanken herum und ihn jetzt auch noch vor Jacob als meinen edlen Retter zu präsentieren, wäre einfach nicht richtig in meinen Augen. Also erzählte ich ihm nur den Teil der Wahrheit, der wirklich von Bedeutung war.
„Nigel hatte getrunken, mal wieder. Er ist mir unten am Wasser begegnet und wurde aufdringlich. Er hat lauter dummes Zeug geredet – nichts Wichtiges - und wollte mich nicht gehen lassen, bis dieser…“, sprach ich den Namen absichtlich so abschätzig aus, „dieser Mr. Cullen aufgetaucht ist und Nigel verjagt hat.“
Und erstaunlicherweise hinterfragte Jacob mein kleines Täuschungsmanöver nicht. Er ließ sich meine Worte einfach durch den Kopf gehen, nickte dann stumm und kam zu dem gleichen Schluss, wie ich sonst auch immer, hätte ich an diesem Abend nicht erlebt, wie falsch ich eigentlich damit lag.
„Nigel ist einfach unverbesserlich. Ich weiß nicht, warum er immer wieder so über die Stränge schlagen muss. Irgendwann passiert ihm nochmal was, oder er macht sich gänzlich lächerlich, wenn er weiter so viel trinkt. Ich verstehe nicht, warum dein Vater ihn immer wieder einladen muss.“
„Er gehört irgendwie zur Familie. Dad und James sind enge Freunde, er kann Nigel nicht übergehen.“
„Ja… leider.“
Wir tauschten einen langen Blick und hingen schweigend unseren Kindheitserinnerungen nach. Während Jacob und ich schon immer die besten Freunde waren, stand Nigel immer etwas außen vor. Obwohl er im gleichen Alter war wie wir und dieselben Privatschulen besucht hatte, war zwischen uns nie diese enge Verbundenheit entstanden, wie zwischen unseren drei Vätern. Nigel war und blieb der Ausgestoßene und durch seine regelmäßigen Eskapaden, die sein Vater alle geflissentlich unter den Teppich kehrte, drängte er sich mehr und mehr ins Abseits. Ich fragte mich im Stillen, was wohl passiert wäre, wenn Edward Cullen mich nicht rechtzeitig gefunden hätte? Wäre Nigel wirklich zu weit gegangen? Bis zum Äußersten? Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken und Jacob hob verwundert eine Augenbraue.
„Du frierst ja immer noch“, sagte er sanft und rieb kräftiger über meinen Arm. „Vielleicht solltest du dir eine Jacke holen.“
„Ja, ich glaube das ist eine gute Idee.“
Aber noch bevor ich sie in die Tat umsetzen konnte, wurden wir unterbrochen, als mein Vater über die hell erleuchtete Wiese schritt und meinen Namen rief.
„Bella! Da bist du ja wieder. Wo hast du nur gesteckt?!“
„Dad, ich…“
„Ich wollte dich einigen Geschäftspartnern vorstellen, die du unbedingt kennenlernen musst und du verschwindest einfach. Wo warst du?“
Ich seufzte unhörbar und bemerkte, wie ich nervös die Finger wrang. Mein Vater hatte eine strenge Moralvorstellung von dem, was ich durfte und was nicht. Gerade hier auf einer Party, die ihm zu Ehren stattfand und auf der ich als Gastgeberin an seiner Seite diente, da meine Mutter es ja nicht mehr konnte.
„Ich war am…“, setzte ich an und suchte nach den richtigen Worten.
„Charlie?
„Sekunde, James“, wiegelte mein Vater den Störenfried ab und scheuchte ihn mit einer Handbewegung beiseite.
Doch diese kleine Unterbrechung reichte bereits aus, damit ich zur Besinnung kam. Mit Erschrecken starrte ich den kleinen, schlanken Mann an, der auf uns zukommen wollte und dessen Gesichtszüge genauso aussahen, wie die von Nigel. Kein Wunder, denn Vater und Sohn sahen sich zum Verwechseln ähnlich. James sagte noch etwas zu meinem Vater, doch ich hörte es nicht. Mein Blut rauschte in schnellen, unkontrollierten Strömen durch meinen Körper und ich wurde mir in dieser Sekunde bewusst, was ich anrichten würde, wenn ich jetzt die Wahrheit sagte.
Der Moment wäre vollkommen unpassend. Es war im Grunde ja nichts passiert – dank Edward Cullen - und ich wollte meinem Vater auf keinen Fall das Fest verderben, indem ich jetzt für einen handfesten Skandal sorgte. Wenn er wüsste, was der Sohn seines engen Freundes mit mir anstellen wollte, würde er explodieren und Nigel, samt James und seiner Frau, zu Kleinholz verarbeiten. Das Temperament meines Vaters war unberechenbar und gerade wenn es um mich ging, überschritt er schnell die Grenze des Notwendigen, weil er glaubte, mich nur so beschützen zu können. Deswegen schüttelte ich nur nichtssagend den Kopf und zuckte – hoffentlich gelassen – mit den Schultern.
„Es tut mir so leid, Dad. Ich habe ein bisschen die Zeit vergessen, als ich mich im Haus frisch machen und nochmal in der Küche nach dem Rechten sehen wollte. Die Hors d’œuvre sind ja scheinbar bei allen Gästen gut angekommen und ich habe nochmal nach der Vorspeise und dem Hauptgang des eigentlichen Essens gesehen.“
„Aha“, erwiderte er unzufrieden und sah auf seine goldene Rolex. „Es wird auch langsam Zeit. Wann sind die Köche fertig zum servieren?“
„Gleich“, log ich erneut und hoffte und betete dass es stimmte.
„Gut. Gib mir ein Zeichen, wenn ich alle zu Tisch bitten kann.“
„Natürlich, Dad.“
Er hielt mir wie immer seine Wange hin und ich küsste sie kurz.
„Entschuldige bitte nochmal, ich werde kein zweites Mal heimlich verschwinden.“
„Das will ich auch hoffen, Bella. Nach dem Essen bleibst du bitte an meiner Seite. Ich will ein bisschen mit dir angeben.“
Ich lächelte, senkte verschämt den Kopf und spürte, wie mir endlich wieder Farbe ins Gesicht schoss.
„Du wirst deiner Mutter immer ähnlicher, du bist genauso schön wie sie und dieses Kleid steht dir außerordentlich gut.“
„Danke, Dad. Ich wünschte aber, Mom könnte wirklich noch hier sein.“
„Sie wäre stolz auf dich.“
„Und auf dich.“
Mit einem zufriedenen Lächeln wandte sich mein Vater wieder seinen Gästen zu und rief James heran, der ungeduldig auf ihn wartete und seinen Whiskey in sich hinein kippte, wie Wasser. Wie der Vater, so der Sohn, dachte ich angewidert und ergriff Jacobs Arm, welchen er mir hinhielt. Auf dem Weg ins Haus und in die Küche hoffte ich inständig, dass meine kleine Notlüge mit dem Essen nicht sofort auffliegen würde, aber ich hatte Glück. Die Vorspeise war fertig zum servieren und mein Vater bat all seine Gäste auf mein Nicken hin zu Tisch und das strahlende Fest erreichte seinen nächsten Höhepunkt.
Irgendwann allerdings war auch der schönste Abend vorbei und tiefe, schwarze Nacht senkte sich über unser Haus. Nur einige wenige, sehr hartnäckige, Gäste blieben übrig, aber ich hatte irgendwann in den frühen Morgenstunden einfach keine Kraft mehr, um sie weiterhin zu unterhalten und verabschiedete mich mit einem gespielten Bedauern von ihnen.
Oben in meinem Zimmer war Gott sei Dank alles ruhig, denn mein Vater duldete keine Übernachtungsgäste im Haus, weil er bereits am nächsten Morgen zurück nach Manhattan fahren und keine Geduld aufbringen wollte, ewig den charmanten Gastgeber zu spielen. Ich konnte es ihm nicht verübeln und war sogar dankbar für seine Schroffheit.
Bei geöffnetem Fenster, dem Rauschen des Meeres und einzelner Grillen, die im Dünengras sitzen mussten, schlief ich schließlich ein, kaum dass mein Kopf das Kissen berührt hatte. Ich war so müde, das ich auf eine traumlose Nacht hoffte, wie es immer der Fall war, wenn ich nach einem anstrengenden Tag zu Bett ging, aber diesmal schien mein Unterbewusstsein eine Ausnahme zu machen.
Das Schwarz um mich herum wurde heller und heller, vermischte sich mit anderen, echten Farben und Geräusche kamen hinzu. Ich meinte das Rauschen des Meeres lauter und dichter zu hören, als dass es durch das geöffnete Fenster möglich sein sollte - aber ich sah nur ein undeutliches Gebilde an Mustern und Formen. Mein träumender Verstand versuchte sie scharf zu stellen, spielte mit den Konturen, gab ihnen mehr und mehr Form und schien das heillose Durcheinander in meinem Kopf zu sortieren, bis ich endlich Kanten und Ecken sah, die sich im Licht drehten und dieses tausendfach zurückwarfen. Das vermeintliche Rauschen des Meeres wechselte in den Klang von splitterndem Glas. Er war eigenartig hell und dumpf zugleich, bis ich endlich begriff, dass es kalte, glatt geschliffene Steine waren, die aneinander rieben und dabei ein eigenartiges, knirschendes Geräusch erzeugten. Ich konnte die Steine allerdings nicht einordnen, begriff nicht, was hier vor sich ging und versuchte verzweifelt zu verstehen, aus welcher Materie sie genau bestanden. Nur eins stand für mich fest – sie hatten das strahlendste, schönste Grün und schimmerten in einer Vielfalt, die Glas niemals erreichen würde. Aber noch bevor ich im Traum danach greifen konnte, um sie endlich zu berühren, wurde aus den Steinen ein Blick, dann ein Gesicht und schließlich eine Fratze, deren Abscheulichkeit mir durch Mark und Bein ging. Kalte, klauenartige Hände griffen nach mir. Eiskalte Finger berührten meine Haut. Dunkle, unlesbare Augen bohrten sich in meinen Blick und eine Stimme, die zunächst melodisch tief klang, wurde höher und höher, bis sie sich in ein widerlich triumphierendes Lachen verwandelte, das mich verspottete, während ich verzweifelt versuchte aus dem Griff, der Umklammerung, zu entkommen. Mit einem Ruck schreckte ich hoch und riss die Augen auf.
Mein Herz hämmerte laut und schmerzhaft in meiner Brust, ich musste eine Hand darauf legen und kam mit dem Luftholen nicht mehr hinterher. Das Gefühl zu ersticken war allgegenwärtig und drückte mich nach unten. Panisch flogen meine Augen durch den Raum, aber ich sah nicht, was meine Ohren so laut klingen ließ, als würde ein Glockenspiel direkt daneben stehen und klirren. Nur mein eigenes, angstvolles Keuchen durchbrach die Stille und in meiner Erinnerung meinte ich, einen gellenden Schrei gehört zu haben.
„Nur ein Traum, nur ein Traum“, murmelte ich vor mich hin und tastete den dunklen Raum mit den Augen ab.
Mein Herz hämmerte laut und schmerzhaft in meiner Brust, ich musste eine Hand darauf legen und kam mit dem Luftholen nicht mehr hinterher. Das Gefühl zu ersticken war allgegenwärtig und drückte mich nach unten. Panisch flogen meine Augen durch den Raum, aber ich sah nicht, was meine Ohren so laut klingen ließ, als würde ein Glockenspiel direkt daneben stehen und klirren. Nur mein eigenes, angstvolles Keuchen durchbrach die Stille und in meiner Erinnerung meinte ich, einen gellenden Schrei gehört zu haben.
„Nur ein Traum, nur ein Traum“, murmelte ich vor mich hin und tastete den dunklen Raum mit den Augen ab.
Die langen Schatten, die der hereinstrahlende Mond formte, waren mir nicht fremd und im Dämmerlicht erkannte ich sämtliche Möbel sofort wieder. Ein kleiner Digitalwecker auf dem Nachttisch zeigte an, dass kaum zwei Stunden vergangen waren, seit ich schlafen gegangen war, doch die Zeit kam mir deutlich länger vor. Stöhnend schwang ich die Beine über die hohe Bettkante des Queen-Size-Bettes und griff nach meinem Morgenmantel, der am Fußende lag. Bis zum Badezimmer waren es nur ein paar Meter und ich brauchte nicht einmal das Licht anzuschalten, um ein Glas mit Wasser zu füllen. Durstig trank ich es aus und spritze mir anschließend auch Wasser ins Gesicht, damit ich den Rest Müdigkeit und Schrecken abschütteln konnte. Noch immer hallte ein hoher Schrei wie ein Echo in meinen Ohren nach, doch um mich herum war alles still. War ich das etwa gewesen? Bewegungslos lauschte ich in die Dunkelheit, konnte aber außer meinem eigenen Atem und dem Rauschen meines Blutes nichts Ungewöhnliches hören.
Minutenlang tat ich gar nichts, bewegte mich nicht von der Stelle und starrte lediglich die weißen Vorhänge an, die sich in der mondhellen Nacht vom Wind aufbauschten und sanft bewegten. Das Quadrat des offenen Fensters dahinter war dunkler und bildete mit dem satten Vollmond einen interessanten Kontrast. Magisch zog mich dessen Anblick schließlich an. Ich tapste durch das Zimmer, zog die Gardinen beiseite und schlüpfte hinaus auf den Balkon, der dem offenen Meer zugewandt war.
Der Nachtwind strich über meine Arme, verpasste mir eine Gänsehaut und wehte mir mein offenes Haar aus dem Gesicht. Seufzend lehnte ich beide Arme auf das schmiedeeiserne Geländer und sog die salzige Luft ein. Die Nacht war kühl, aber immer noch nicht kalt. Nur die feuchte Luft verriet die Nähe zum Meer und meine Augen richteten sich sofort in die Ferne, um den schmalen Streifen des Horizonts zu suchen, den der Mond überdeutlich formte. Kleine weiße Wolken wanderten über das tiefschwarze Wasser und ließen es so aussehen, als wäre der Atlantik eine einzige, dickflüssige, dichte Masse, die sich in der Dunkelheit wie der muskulöse Leib eines Python bewegte und gegen den Strand drängte.
Der Sand, auf dem ich vor Stunden noch selbst so leichtsinnig gewandert war, bewegte sich mit dem dunklen Wasser, doch der Strand war leider zu weit weg, um ihn in seinem ganzen Ausmaß betrachten zu können. Obwohl das Haus über die Dünen emporragte, konnte ich nicht genug sehen und so wanderten meine Augen weiter an der Küstenlinie entlang, die sich halbkreisförmig zur rechten Seite im Nichts verlor. Ferne Lichter von Laternen oder Häusern flimmerten in der Dunkelheit. Ich fragte mich bei diesem Anblick immer wieder, wie das möglich sein konnte, denn eigentlich tauchten derlei Effekte doch nur bei großer Hitze am Tage auf. Aber jetzt war es fast vier Uhr morgens, im Osten war bereits die aufgehende Sonne zu erahnen, denn der erste Himmelsstreifen färbte sich langsam grau und das nächtliche Blau wurde blasser. Die Grillen, die in der Dunkelheit gezirpt hatten, waren längst verstummt und nur eine einsame Amsel, die ihr Morgenlied anstimmte, musste im Garten in einer der riesigen Tannen sitzen und den kommenden Tag begrüßen.
Ich wollte mich bereits umdrehen, um wieder zu Bett zu gehen, als mein Blick auf einmal von einer unerwarteten Bewegung angezogen wurde. Ich verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, weil es zu dunkel und zu weit weg war, um genau etwas zu erkennen. Mein Griff um das Geländer des Balkons verfestigte sich und ich beugte mich weit darüber, aber alles half nichts. Bis auf das stetige Rauschen des Meeres und die rhythmische Bewegung der Wellen, erkannte ich in der aufkommenden Morgendämmerung nichts, doch mein Verstand wollte wieder eine Bewegung zwischen den Dünen wahrgenommen haben und auf einmal hielt ich erschrocken die Luft an. Ich glaubte eine Gestalt aus dem Schatten treten zu sehen, die aber sofort wieder darin verschwand, als hätte sie mich bemerkt.
Dann blieb alles still. Nichts rührte sich. Egal wie lange ich auch auf den Strand starrte, meine Augen bewegungslos auf einen Punkt fixierte und versuchte die Dunkelheit zu durchschauen, es passierte gar nichts. Auch hinter der Düne, zwischen den langen Grashalmen und den Holzpflöcken, die den Sand abstützten, rührte sich nichts. Die Schatten wurden stattdessen immer länger, der Mond blasser und der Himmel im Osten dafür heller. Doch ich konnte mich nicht losreißen, musste mich letztendlich sogar regelrecht dazu zwingen wieder ins Bett zu gehen und rieb mir über meine müden Augen.
Alles nur Einbildung, redete ich meinem aufgewühlten Verstand gut zu und setzte mich erneut aufs Bett. Die Party war seit Stunden vorbei, der Garten verwaist und die Gegend menschenleer. Warum also, sollte jemand um diese Uhrzeit noch am Strand entlanglaufen und sich in den Dünen verstecken? Es konnte nur eine Sinnestäuschung sein und meine Augen spielten mir einen kleinen Streich, weil mein Verstand überreizt von meinen Träumen war und plötzlich Dinge sah, die gar nicht existierten.
Wie immer, wenn ich mich selbst beruhigen wollte, griff ich mit der rechten Hand an meinen linken Arm und drehte an der schmalen Kette, die ich jetzt wieder dort trug. Den wertvollen, schweren Armreif, den mein Vater mir vor allen anderen Gästen als Beweis seines Erfolges geschenkt hatte, hatte ich längst wieder abgelegt und sicher in einer Schatulle im untersten Fach meines Sekretärs verschlossen. Stattdessen trug ich wieder das schmale, goldene Armband meiner Mutter, das ich immer dann berührte und durch meine Finger gleiten ließ, wenn ich das Gefühl hatte, ich bräuchte ihren Trost.
Obwohl das schmale Armband nur aus einem dünnen Goldfaden gefertigt war, hatte es dennoch einen sehr hohen Wert, denn es war in einer Art und Weise geschmiedet worden, die heutzutage gar nicht mehr angewendet wurde. Aber es hielt, war stabil und strahlte im Licht. Das Armband wurde zur Mitte hin breiter, sodass deutlich zu erkennen war, dass in das Gold die Form dreier Fleur de Lis – dreier stilisierter Lilien – eingraviert worden war. In ihre mittleren Blätter wiederum war jeweils ein geschliffener, ovaler, grüner Diamant eingesetzt, der nicht größer war, als ein paar Millimeter und jeweils etwas mehr als ein Karat wert war.
Die Lilien waren versetzt angeordnet - nicht in einer Reihe - und zeigten deutlich das Wappen der Bourbonen – der letzten französischen Herrschaftsfamilie, die seit der Revolution 1789 entmachtet worden war.
Das Armband, welches meine Mutter bis zu ihrem Tod getragen hatte, ging angeblich auf Marie Antoniette – der berühmt, berüchtigten und enthaupteten - Königin Frankreichs zurück und sollte aus deren Privatbesitz stammen. Doch da nach der Revolution fast alle Wertsachen der Königsfamilie spurlos verschwanden, ließ sich dieser Verdacht nie endgültig beweisen - es gab einfach keinen Herkunftsbeleg. Mein Vater hatte das Armband meiner Mutter am Tage meiner Geburt zum Geschenk gemacht und mir nach ihrem Tod schulterzuckend erklärt, dass es aus dem Besitz eines französischen Sammlers stammte, der dem Adelsgeschlecht der Bourbonen sehr zugetan war und es nachmachen ließ.
Ich fand diese Erklärung nie wirklich einleuchtend, denn die drei Steine in der Mitte hatten eine auffallende Ähnlichkeit mit einem durchaus berühmten, sehr wertvollen Diamanten, der ebenfalls mit dem französischen Königshaus in Verbindung gebracht werden konnte – dem “Grünen Dresden“.
Die drei Steine in meinem Armband waren genauso lupenrein, hatten keine Einschlüsse und glänzten in der Sonne in allen nur denkbaren Schattierungen. Es war zu vergleichen mit sattem Laub, oder grünen Äpfeln. Je nachdem wie man das Armband hin und her bewegte, wechselten die Steine ihre Farbe von hell zu dunkel und wieder zurück, denn sie reflektierten das einfallende Licht um ein vielfaches stärker als Smaragde es konnten, deren Grünton dadurch nur unnatürlich dunkel schimmerte.
Der Verdacht lag nahe, dass sie aus ein und derselben Miene stammten wie der “Grüne Dresden“, obwohl auch dessen Herkunft nicht mehr zweifelsfrei erwiesen werden konnte. Marie Antoniette hatte sich angeblich aus den gleichen Steinen ein Kreuz, dieses Armband und noch weiteren Schmuck anfertigen lassen, doch auch das war mehr ein vages Gerücht unter Kennern, als erwiesene Tatsache. Der Rest der Schmuckserie – eine Halskette, Ohrringe und Haarkämme – waren niemals mehr aufgetaucht nach der Revolution und blieben spurlos verschwunden.
Aber all das war es gar nicht, was mich im Moment so irritierte. Ich kannte die angebliche Geschichte der Steine in und auswendig, hatte mir oft den Kopf darüber zerbrochen und war doch nie zu einem schlüssigen Ergebnis gekommen. Ich wusste nur eins, ihre Farbe war einmalig, ein solches Grün gab es kein zweites Mal, jedenfalls hatte ich es bei anderen Diamanten dieser Art nie wieder gesehen – bis heute…
Ein Blick in Edward Cullen´s Augen hatte genügt, um jetzt eine vage Kindheitserinnerung wieder heraufzuholen, die ich glaubte vergessen zu haben. Obwohl es am Strand dunkel gewesen war und der Mond nur ein fahles, weißes Licht auf die Erde geworfen und ich seine Augenfarbe nicht gesehen hatte, wusste ich dennoch instinktiv, dass der merkwürdige Schimmer seiner Iriden nicht von ungefähr kam. Seine Augen hatten in der Dunkelheit genauso facettenreich wie die Steine am Armband meiner Mutter geschimmert und ihre Tiefe, ihr inneres Feuer, erinnerte mich unwillkürlich an einen Stein, den ich als ganz kleines Mädchen einmal in den Händen meines Vaters gesehen hatte und dann nie wieder.
Obwohl das schmale Armband nur aus einem dünnen Goldfaden gefertigt war, hatte es dennoch einen sehr hohen Wert, denn es war in einer Art und Weise geschmiedet worden, die heutzutage gar nicht mehr angewendet wurde. Aber es hielt, war stabil und strahlte im Licht. Das Armband wurde zur Mitte hin breiter, sodass deutlich zu erkennen war, dass in das Gold die Form dreier Fleur de Lis – dreier stilisierter Lilien – eingraviert worden war. In ihre mittleren Blätter wiederum war jeweils ein geschliffener, ovaler, grüner Diamant eingesetzt, der nicht größer war, als ein paar Millimeter und jeweils etwas mehr als ein Karat wert war.
Die Lilien waren versetzt angeordnet - nicht in einer Reihe - und zeigten deutlich das Wappen der Bourbonen – der letzten französischen Herrschaftsfamilie, die seit der Revolution 1789 entmachtet worden war.
Das Armband, welches meine Mutter bis zu ihrem Tod getragen hatte, ging angeblich auf Marie Antoniette – der berühmt, berüchtigten und enthaupteten - Königin Frankreichs zurück und sollte aus deren Privatbesitz stammen. Doch da nach der Revolution fast alle Wertsachen der Königsfamilie spurlos verschwanden, ließ sich dieser Verdacht nie endgültig beweisen - es gab einfach keinen Herkunftsbeleg. Mein Vater hatte das Armband meiner Mutter am Tage meiner Geburt zum Geschenk gemacht und mir nach ihrem Tod schulterzuckend erklärt, dass es aus dem Besitz eines französischen Sammlers stammte, der dem Adelsgeschlecht der Bourbonen sehr zugetan war und es nachmachen ließ.
Ich fand diese Erklärung nie wirklich einleuchtend, denn die drei Steine in der Mitte hatten eine auffallende Ähnlichkeit mit einem durchaus berühmten, sehr wertvollen Diamanten, der ebenfalls mit dem französischen Königshaus in Verbindung gebracht werden konnte – dem “Grünen Dresden“.
Die drei Steine in meinem Armband waren genauso lupenrein, hatten keine Einschlüsse und glänzten in der Sonne in allen nur denkbaren Schattierungen. Es war zu vergleichen mit sattem Laub, oder grünen Äpfeln. Je nachdem wie man das Armband hin und her bewegte, wechselten die Steine ihre Farbe von hell zu dunkel und wieder zurück, denn sie reflektierten das einfallende Licht um ein vielfaches stärker als Smaragde es konnten, deren Grünton dadurch nur unnatürlich dunkel schimmerte.
Der Verdacht lag nahe, dass sie aus ein und derselben Miene stammten wie der “Grüne Dresden“, obwohl auch dessen Herkunft nicht mehr zweifelsfrei erwiesen werden konnte. Marie Antoniette hatte sich angeblich aus den gleichen Steinen ein Kreuz, dieses Armband und noch weiteren Schmuck anfertigen lassen, doch auch das war mehr ein vages Gerücht unter Kennern, als erwiesene Tatsache. Der Rest der Schmuckserie – eine Halskette, Ohrringe und Haarkämme – waren niemals mehr aufgetaucht nach der Revolution und blieben spurlos verschwunden.
Aber all das war es gar nicht, was mich im Moment so irritierte. Ich kannte die angebliche Geschichte der Steine in und auswendig, hatte mir oft den Kopf darüber zerbrochen und war doch nie zu einem schlüssigen Ergebnis gekommen. Ich wusste nur eins, ihre Farbe war einmalig, ein solches Grün gab es kein zweites Mal, jedenfalls hatte ich es bei anderen Diamanten dieser Art nie wieder gesehen – bis heute…
Ein Blick in Edward Cullen´s Augen hatte genügt, um jetzt eine vage Kindheitserinnerung wieder heraufzuholen, die ich glaubte vergessen zu haben. Obwohl es am Strand dunkel gewesen war und der Mond nur ein fahles, weißes Licht auf die Erde geworfen und ich seine Augenfarbe nicht gesehen hatte, wusste ich dennoch instinktiv, dass der merkwürdige Schimmer seiner Iriden nicht von ungefähr kam. Seine Augen hatten in der Dunkelheit genauso facettenreich wie die Steine am Armband meiner Mutter geschimmert und ihre Tiefe, ihr inneres Feuer, erinnerte mich unwillkürlich an einen Stein, den ich als ganz kleines Mädchen einmal in den Händen meines Vaters gesehen hatte und dann nie wieder.
„Eigenartig“, murmelte ich zu mir selbst und strich über die drei grünen Diamanten. „Was ist nur los mit mir?“
Natürlich konnte ich mir selbst keine Antwort geben und wehmütig starrte ich eine Weile vor mich hin, bevor endlich wieder Müdigkeit von meinem Körper Besitz ergriff. Ich kuschelte mich zurück in die weiche Decke und das dicke Kissen. Verschloss meine Augen vor dem heller werdenden Morgen und versuchte zu vergessen, was am letzten Abend geschehen war. Noch immer empfand ich keine echte Panik oder Angst. Selbst mein Albtraum reichte nicht aus, damit ich wirkliche Angst vor Nigel Hunting empfand. Ich spürte eher Wut auf ihn, weil die Erinnerung an das Geschehene gleichzeitig auch wieder Edward Cullen ins Spiel brachte und ihn wollte ich endlich vergessen können.
Natürlich konnte ich mir selbst keine Antwort geben und wehmütig starrte ich eine Weile vor mich hin, bevor endlich wieder Müdigkeit von meinem Körper Besitz ergriff. Ich kuschelte mich zurück in die weiche Decke und das dicke Kissen. Verschloss meine Augen vor dem heller werdenden Morgen und versuchte zu vergessen, was am letzten Abend geschehen war. Noch immer empfand ich keine echte Panik oder Angst. Selbst mein Albtraum reichte nicht aus, damit ich wirkliche Angst vor Nigel Hunting empfand. Ich spürte eher Wut auf ihn, weil die Erinnerung an das Geschehene gleichzeitig auch wieder Edward Cullen ins Spiel brachte und ihn wollte ich endlich vergessen können.
Wohl jede andere Frau würde jetzt entrüstet auflachen, sinnierte ich im Stillen. Nigel war ein Schwein. Ein Trinker und frauenverachtendes Monster. Ich hatte am Abend einen viel zu guten Blick hinter seine vermeintliche Fassade werfen können und wusste jetzt ganz genau, wenn er mir nicht mehr wehtun konnte, würde er es bei jemand anderem versuchen. Ich musste unbedingt mit meinem Vater reden. Auch wenn ihm dieses Gespräch sicherlich nicht gefallen würde und ich mich auf eine saftige Standpauke gefasst machen konnte – es war schließlich zum Wohle aller und James Hunting sollte ruhig wissen, was für ein schlafendes Monster da jeden Morgen an seinem Frühstückstisch saß.
Am helllichten Tag allerdings, hatte ich zunächst Besseres zu tun, als mir Gedanken über Nigel Hunting und das unvermeidliche Gespräch mit meinem Vater zu machen. Ich verbrachte die Zeit mit Arbeit. Der Catering Service, der am Abend zuvor die Jubiläumsfeier ausgerichtet hatte, baute nun sämtliche Zelte, Tische und auch die Tanzfläche wieder ab. Ich half den Angestellten dabei und koordinierte ihre Arbeit, bis der weitläufige Rasen wieder sauber war und dem Landschaftsgärtner zur nachträglichen Pflege übergeben werden konnte.
Sobald die LKW´s des Partyservice abgefahren waren, machte auch ich mich auf den Weg und fuhr die eineinhalb Stunden zurück nach Manhattan. Die Stadt begrüßte mich mit ihrem üblichen, alltäglichen Verkehrschaos und ich bedauerte meine Entscheidung, das Haus auf Long Island so schnell wieder verlassen zu haben bereits nach den ersten Metern, als ich den Freeway verließ und mich in den dichten, innerstädtischen Verkehr einordnete.
Bis zum Central Park West vertrödelte ich eine weitere dreiviertel Stunde und als ich endlich aus meinem Wagen stieg, war meine Laune merklich in den Keller gerutscht. Ich grüßte zwar Frank - den Portier – wie immer mit einem freundlichen Lächeln, als er mir die schwere, verglaste Messingtür des alten Appartementgebäudes aufhielt und dabei an die Krempe seines Hutes fasste, um meinen Gruß zu erwidern, doch ich hatte keine Zeit für Smalltalk mit ihm.
Das vielstöckige Gebäude mit neugotischen Elementen befand sich in direkter Nachbarschaft zum bekannten Dakota Building, vor dem John Lennon erschossen wurde, doch es war mehrere Stockwerke höher als dieses und kein so großer Touristenmagnet. Von außen wie von innen prunkvoll geschmückt und überladen, zeigte es aber dennoch deutlich auch den Anspruch einer herrschenden Klasse auf Macht, Einfluss und Geld. Alles zusammen eine Kombination, für die mein Vater jahrelang wie besessen geschuftet hatte, denn das New Yorker Diamantenviertel war ein genauso hartes und auch grausames Pflaster, wie die Wall Street weiter unten in der Stadt und Reichtum war nun mal nichts, das einem in den Schoß fiel.
Dieser Tatsache war ich mir sehr wohl bewusst, obwohl jeder Außenstehende mich auf den ersten Blick für eine dieser reichen Erbinnen halten musste, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden waren. Natürlich stimmte diese Tatsache und ich hatte eine sorgenfreie Kindheit erlebt, die erst durch den Tod meiner Mutter ein abruptes Ende gefunden hatte. Trotzdem hielt ich mich nicht für halb so eingebildet, wie andere Upper Class Kinder. Ich wusste einfach von Anfang an, wem ich das exklusive Privileg meiner Geburt und Erziehung zu verdanken hatte. Mein Vater kam als bettelarmer Mann in dieses Land und schaffte es mit viel harter Arbeit und noch mehr Schweiß an die Spitze einer ganzen Industrie. Er legte mir die Welt zu Füßen und dafür schuldete ich ihm viel - eigentlich alles – denn nach dem Tod meiner Mutter war er ein gebrochener Mann und musste sich ganz allein um ein kleines Mädchen kümmern. Er war stets ein guter Vater, der beste, den man sich als Tochter nur wünschen konnte, auch wenn seine Fürsorge für mich bisweilen etwas übers Ziel hinausschoss.
Dieser Tatsache war ich mir sehr wohl bewusst, obwohl jeder Außenstehende mich auf den ersten Blick für eine dieser reichen Erbinnen halten musste, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden waren. Natürlich stimmte diese Tatsache und ich hatte eine sorgenfreie Kindheit erlebt, die erst durch den Tod meiner Mutter ein abruptes Ende gefunden hatte. Trotzdem hielt ich mich nicht für halb so eingebildet, wie andere Upper Class Kinder. Ich wusste einfach von Anfang an, wem ich das exklusive Privileg meiner Geburt und Erziehung zu verdanken hatte. Mein Vater kam als bettelarmer Mann in dieses Land und schaffte es mit viel harter Arbeit und noch mehr Schweiß an die Spitze einer ganzen Industrie. Er legte mir die Welt zu Füßen und dafür schuldete ich ihm viel - eigentlich alles – denn nach dem Tod meiner Mutter war er ein gebrochener Mann und musste sich ganz allein um ein kleines Mädchen kümmern. Er war stets ein guter Vater, der beste, den man sich als Tochter nur wünschen konnte, auch wenn seine Fürsorge für mich bisweilen etwas übers Ziel hinausschoss.
„Mein Vater? Ist er hier?“, fragte ich, kaum das Corin – das Hausmädchen – mir die Tür geöffnete.
„Er ist in seinem Arbeitszimmer, Miss.“
Sie knickste höflich, nahm mir meine Tasche ab und huschte dann wieder zurück in die Küche, während ich die ausladende Eingangshalle mit dem schallenden Marmorboden durchschritt. Ein begrüßendes Mauzen stoppte mich an der nächsten Tür, ich drehte mich grinsend um und breitete die Arme aus, während ich für die schwarze Katze, die auf mich zugeschossen kam wie eine Rakete, in die Hocke ging.
„Isis! Hast du mich vermisst?“
Ihr Schnurren sagte alles und ich vergrub mein Gesicht in ihrem weichen Fell, während sie ihren runden Kopf an meiner Wange rieb und wohlige Laute ausstieß. Obwohl Isis nur eine ganz gewöhnliche Hauskatze ohne Rang und Titel war, besaß sie doch eine natürliche Eleganz. Fast schon blasiert und hochnäsig konnte man ihren Blick aus scharfen, gelben Augen nennen, wenn sie jemanden eingehend betrachtete und dann mit hoch erhobenem Schwanz davon stolzierte. Mein Vater hatte mir das herrenlose Bündel vor einigen Jahren einfach so in den Schoß gelegt, denn Isis stammte aus einem Schuhkarton, der irgendwann vor dem Haus gestanden hatte. Seitdem gehörte die Katze zur Familie und so trug ich sie ins Arbeitszimmer meines Vaters, das ich sofort nach einem leisen Klopfen betrat.
Dad hielt kurz eine Hand über den Hörer seines Telefons und gab mir einen Kuss auf die Wange. Mit einer Hand wedelnd bedeutete er mir still zu sein und ohne ein weiteres Wort zu sagen, ließ ich mich mit der Katze auf dem Schoß in den freien Sessel sinken, der vor dem riesigen, antiken Schreibtisch stand.
Ungerührt, fast schon gleichgültig, nahm mein Vater sein Telefonat wieder auf und knüpfte nahtlos an seinen Gesprächsfaden an. Verwundert beobachtete ich ihn dabei, denn es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass er mit Billy Black – Jacobs Vater telefonierte. Anscheinend gab es eine heftige Diskussion zwischen den beiden und ich fragte mich, ob es etwas mit mir zu tun hatte, als mein Vater mich kurz ansah und zu Billy meinen Namen sagte. Doch ich konnte mir nicht denken was es war. Ich hatte nichts getan – noch nicht - was die beiden Männer gegeneinander aufgebracht haben könnte. Also sah ich zunächst zu, wie mein Vater das Gespräch ziemlich ruppig beendete, den Hörer des altersschwachen Telefons zurück auf die Gabel knallte und frustriert schnaubte.
Ungerührt, fast schon gleichgültig, nahm mein Vater sein Telefonat wieder auf und knüpfte nahtlos an seinen Gesprächsfaden an. Verwundert beobachtete ich ihn dabei, denn es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass er mit Billy Black – Jacobs Vater telefonierte. Anscheinend gab es eine heftige Diskussion zwischen den beiden und ich fragte mich, ob es etwas mit mir zu tun hatte, als mein Vater mich kurz ansah und zu Billy meinen Namen sagte. Doch ich konnte mir nicht denken was es war. Ich hatte nichts getan – noch nicht - was die beiden Männer gegeneinander aufgebracht haben könnte. Also sah ich zunächst zu, wie mein Vater das Gespräch ziemlich ruppig beendete, den Hörer des altersschwachen Telefons zurück auf die Gabel knallte und frustriert schnaubte.
„Was ist los?“, fragte ich irritiert.
„Nichts, nichts. Nur ein kleines Missverständnis zwischen Billy und James. Anscheinend ist Nigel gestern Abend verschwunden und seitdem nicht wieder aufgetaucht. James kann ihn nicht erreichen, denn der Junge hat sein Telefon ausgeschaltet und seine Mutter macht sich Sorgen.“
„Nigel ist weg?“
Abrupt fuhr ich aus meinem Sitz hoch, Isis schimpfte und mein Vater hob verwundert eine Augenbraue.
„Anscheinend ja. James und Victoria machen sich Sorgen, doch ich habe eben zu Billy gemeint, dass das bestimmt unnötig ist.“
„Wieso?“
„Bella!“, brummte er augenverdrehend und wedelte mit einer Hand. „Nigel ist genauso alt wie du. Wer weiß, wen er gestern auf der Party alles getroffen hat?“
Oh, das konnte ich dir sagen, dachte ich im Stillen, doch ich unterbrach meinen Vater noch nicht, als er ungerührt weiter sprach und Vermutungen äußerte.
„Er wird bestimmt im Bett irgendeiner Frau gelandet sein und hat die Zeit vergessen. Der wird schon wieder auftauchen.“
„Hm“, machte ich und starrte an meinem Vater vorbei aus dem Fenster. „Und wenn nicht?“
Wenn nicht… Was war das denn bitte für ein absurder Gedanke, Bella, dachte ich und einmal mehr kam das Bild des wütenden Edward Cullen in meinen Sinn, wie er über Nigel gebeugt dastand und ihn bedrohte. Wenn ich doch nur wüsste, was er ihm zuletzt zugeflüstert hatte, wie er ihm gedroht hatte, denn Nigel war plötzlich vor ihm davongelaufen, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Und dann mein Traum…
„Ha! Wenn nicht… ich bitte dich, Bella“, durchbrach mein Vater meine Gedanken. „Was soll schon auf Long Island passieren? Southampton ist einer der sichersten Orte des Landes und es wäre nichts Ungewöhnliches, wenn die Gäste einer durchzechten Partynacht am nächsten Morgen plötzlich in fremden Betten wieder aufwachen.“
Ja, das war allerdings wahr, doch Nigel gehörte nach der Attacke durch Edward Cullen mehr in ein Krankenhaus, als anderswo hin.
„Dad, ich glaube, ich weiß, was mit Nigel…“ wollte ich gerade beginnen und die ganze Sache aufklären, als Corin in der Tür erschien.
„Sir, Ihr Besuch ist soeben unten eingetroffen und wird in wenigen Minuten hier sein.“
„Danke. Öffnen Sie bitte die Tür.“
Schnell sprang mein Vater aus seinem Sessel und lief durchs Zimmer, als Corin wieder verschwand. Er sammelte in aller Eile seine verstreuten Unterlagen zusammen, stapelte ein paar Ordner und rückte dann seinen Sessel zurecht.
Schnell sprang mein Vater aus seinem Sessel und lief durchs Zimmer, als Corin wieder verschwand. Er sammelte in aller Eile seine verstreuten Unterlagen zusammen, stapelte ein paar Ordner und rückte dann seinen Sessel zurecht.
„Erwartest du noch jemanden?“, fragte ich irritiert.
„Ja. Der neue potentielle Geschäftspartner aus England kommt her.“
„Ewww… hier her? Du willst dich nicht in deinem Büro mit ihm treffen?“
„Nein“, sagte mein Vater eilig. „Er hat gestern Abend auf der Party darum gebeten hier mit mir sprechen zu dürfen. Komm, ich muss dich ihm jetzt vorstellen, da du ja gestern Abend plötzlich verschwunden warst.“
Aber noch ehe mein Vater sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, klingelte sein Handy, das auf dem Tisch lag und mit einem frustrierten Stöhnen drehte er sich um. Perplex knallte ich fast gegen den Türrahmen, durch den Charlie mich gerade schieben wollte und wandte mich dann kopfschüttelnd der Haustür zu. Corin hatte den Gast meines Vaters offensichtlich bereits eingelassen, denn es waren Stimmen in der Eingangshalle zu hören. Ich vergaß Isis von meinem Arm runter zu lassen, hielt die schwarze Katze fest im Griff und umrundete die letzte Ecke auf dem Weg zur Tür, ehe ich erschrocken stehen blieb.
Die entschuldigenden Worte, die ich mir gerade noch durch den Kopf gegangen waren, lösten sich in Luft auf, genau wie der Rest meiner Gedanken, während ich sprachlos das Gesicht anstarrte, das ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte und dennoch sofort wiedererkannte. Die Katze auf meinem Arm sträubte plötzlich das Fell, fuhr ihre Krallen aus und befreite sich mit einem ohrenzerreißenden Fauchen aus meinen Armen, während ich vor Schmerzen aufkeuchte und nach vorne stolperte. Direkt in die Arme, die blitzschnell nach mir griffen.
„Mr. Cullen!“
„Mr. Cullen!“



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