Dies irae, dies illa. Solvet saeculum in favilla.
(Tommaso da Celano)
***
Southampton, Long Island, New York, 24 Juni 2011
„Ladies and Gentlemen, liebe Freunde, werte Gäste“, rief ich mit lauter, feierlicher Stimme in die Runde und machte eine bedeutungsvolle Pause.
Augenblicklich verstummten alle Gespräche, sämtliche Augenpaare richteten sich auf mich und die leichte Schamesröte, die sich in mein Gesicht stahl, ließ meine Wangen heiß erglühen. Von einer Sekunde auf die andere stand ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und musste das Zittern meiner nervösen Hände mit aller Macht unterdrücken. Bleib ruhig, redete ich mir selbst Mut zu, als ich den Kopf hob und in das strahlende Gesicht meines Vaters blickte. Du hast diese kleine Rede tausendfach geübt.
Selbst das Streichquartett, das auf einer kleinen gezimmerten Bühne spielte, brach ab und ließ die Instrumente sinken. Mit stolz geschwellter Brust atmete mein Vater tief durch, lächelte träge und nickte kaum merklich, um mir Mut zu machen, während ich das kristallenes Champagnerglas zum Gruß noch weiter in die Höhe hob und mich an die Gäste wandte.
„Stoßen Sie bitte an auf das Wohl meines Vaters und feiern Sie dieses Jubiläum mit ihm, denn auf den Tag genau vor zweiundzwanzig Jahren hat er aus dem Nichts dieses äußerst erfolgreiche Unternehmen gegründet und ihm meinen Namen gegeben, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren war. Er hat weder Kosten noch Mühen gescheut, hat sich über jeden Wiederstand erhoben und nichts unversucht gelassen, um Belle Diamond so erfolgreich werden zu lassen, wie es jetzt ist. Mit Schweiß und viel harter Arbeit hat er sich an die Spitze gekämpft und eines der erfolgreichsten Unternehmen New Yorks geschaffen. Viele Jahre sind seitdem vergangen, die Zeit rast wie im Flug dahin, aber mein Vater hat in der Welt des Diamantenhandels nachwievor einen festen Platz. Er ist ein anerkannter Experte und Kenner seines Fachs. Kein Stein geht über seinen Schreibtisch ohne genau geprüft und bewertet zu sein. Er erkennt auch noch den kleinsten Fehler mit dem bloßen Auge und New Yorks Diamantenviertel wäre nicht das was es ist, wenn mein Vater – Charles Swan – nicht so hart an dessen guten Ruf mitgearbeitet hätte. Aus diesem Grund erheben Sie bitte mit mir die Gläser und stoßen an auf weitere erfolgreiche Jahre, die hoffentlich kommen mögen. Dad, ich wünsche Dir alles Gute. Auf weitere zweiundzwanzig oder mehr Jahre! Auf Bella Diamond! Auf Dich!“
„Auf Charlie!“, echote das Publikum einstimmig, doch die weiteren Zurufe der Gäste hörte ich nur mit halbem Ohr. Verlegen aber erleichtert, stieß ich als Erste mit meinem Vater an, bevor dieser mich in eine herzliche Umarmung zog und mir leise etwas zuflüsterte.
„Ich wünschte mir so sehr, deine Mutter könnte dich jetzt sehen, Bella. Sie wäre so stolz auf dich – genau wie ich. Gott hab sie selig.“
„Danke, Dad. Das wünschte ich mir auch.“
Ich gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, lächelte über die winzigen, angedeuteten Tränen in seinen Augenwinkeln und griff dann nach Jacob´s Hand, der neben mir stand, um mich an ihm festzuklammern. Auch er strahlte von einem Ohr zum anderen, prostete meinem Vater gelassen zu und zog mich dann zur Seite, als sich eine Reihe von Gratulanten bildete und meinen Vater in Beschlag nahm.
Ich hasste es so im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen, doch ich hatte jetzt das Schlimmste hinter mir. Gezwungen lächelte ich immer wieder in die Runde, erwiderte pflichtbewusst die ehrlichen und auch manch geheuchelte Glückwünsche der vielen, vielen Gäste und zählte innerlich die Minuten, bis der erste Spuk endlich eine Pause einlegte und ich kurz verschnaufen konnte.
Obwohl mein Vater kein Fan aufwendiger Feste und Bankette war, wollte er von Beginn an nichts davon wissen, als ich vorschlug, das Firmenjubiläum im kleinen Kreis zu feiern, wie wir es all die Jahre zuvor getan hatten. Aber als wäre es nie anders gewesen, wischte er all meine verwunderten Fragen mit einer lässigen Handbewegung einfach beiseite und plante mit Sue und Billy Black die wohl aufwendigste Feier, die Long Island in diesem Sommer sehen würde. Sie sollte seiner Meinung nach unvergesslich sein, einmalig und wunderschön, betonte er immer wieder und inzwischen konnte selbst ich nicht mehr daran zweifeln, dass ihm das auch gelungen war. Mein Vater würde wohl auf ewig im Gedächtnis der Leute bleiben.
Unser großes, steingraues Sommerhaus, in dem wir jedes Jahr ein paar erholsame Wochen verbrachten, war nun über und über geschmückt mit leuchtenden Girlanden, bunten Bändern und hunderten von Luftballons. Der weitläufige, rückwärtige Rasen, der bis an die Dünen des Strandes heranreichte, war strahlend grün, exakt vier Zentimeter hoch gemäht und ebenfalls geschmückt durch viele kleine, helle Partyzelte, Tische und eine improvisierte Tanzfläche aus Holz, an deren Rand das Streichquartett auf einer kleinen Bühne saß, machten das Bild der ausschweifenden Feier perfekt.
Obwohl der Sommer gerade erst begonnen hatte, das Wetter auf Long Island noch nicht wirklich warm war und der frische Wind des Atlantiks die Wipfel der hohen Tannen hin und her bog, war dieser vierundzwanzigste Juni bereits strahlend blau und schön. Die Luft war angenehm, etwas kühl von Zeit zu Zeit, aber auch darüber konnte ich mir im Moment keine Gedanken machen, denn als Gastgeberin an der Seite meines Vaters war ich viel zu sehr abgelenkt, um auch nur einen Gedanken an das Wetter zu verschwenden.
Trotzdem - oder gerade deswegen - zog sich Traurigkeit durch mein Herz, als ich den geliebten, salzigen Geruch des Meeres einatmete und zusammen mit Jacob die weitläufige Rasenfläche betrat, um mich mit ihm zusammen unter die Gäste zu mischen, von denen ich die meisten nicht wirklich gut kannte. Viele der hochbetuchten New Yorker waren extra früher nach Southampton gereist, hatten die Sommersaison eher eingeleitet als gewohnt, nur um bei deiner Party dabei zu sein. Jetzt war der Garten voll, Stimmengemurmel mischte sich mit den sanften Klängen der Musik und von Zeit zu Zeit war ein ausgelassenes Lachen zu hören, während Kristallgläser klirrten und kleine Häppchen hin und her gereicht wurden.
Die Stimmung war unglaublich ausgelassen und fröhlich, denn niemand, wirklich niemand von ihnen machte sich ernsthafte Gedanken um die Zukunft. Wer Geld besaß – viel Geld – konnte sich das Privileg leisten, sich von seinen Sorgen freizukaufen und im Grunde hätte es mir nicht anders gehen sollen, doch ich neigte von Geburt an dazu, mir viel zu viele Gedanken zu machen und mich zu sorgen.
Die jüngste Weltwirtschaftskrise hatte auch den internationalen Luxusgüterhandel schwer getroffen, aber die Firma meines Vaters schien davon völlig unberührt. Wie ein Fels in der Brandung, thronte er inmitten seiner Freunde und Geschäftspartner. Charles Swan – Charlie genannt von denen, die ihn näher kannten – war ein hochgewachsener, schlanker Mann, der seinen dunkelblauen Abendanzug mit einer solchen Eleganz und Lässigkeit trug, das man einfach nicht glauben wollte, das er aus einem der ärmsten Viertel Dublins stammte und mit nichts in den Taschen in die USA auswandern musste, um sein Glück zu machen.
Er gründete in New York sein eigenes, florierendes Unternehmen, zählte zu einem der einflussreichsten Männer des Diamantenviertels und damit verbunden, auch des gesamten Landes. Nichts erinnerte mehr daran, das er und meine Mutter in den ersten paar Jahren in Amerika in einem verrotteten Hinterhof in Queens leben mussten. In einem Haus, das diese Bezeichnung nicht einmal verdient hatte, denn angefangen vom Dach über die Fenster, bis hin zu den dünnen, kaputten Wänden, war das Gemäuer ein halb zerfallener Kohlenschuppen. Ein Stall, der mehr einer Ruine, statt einem Haus glich. Doch jetzt, zweiundzwanzig Jahre später, war Charlie Swan zum ungekrönten König einer eigenen Finanzwelt aufgestiegen. Die Steine, diese glitzernden, harten, lupenreinen Verbindungen aus Kohlenstoff, hatten ihn seit jeher fasziniert und reich gemacht. Mein Vater hatte es geschafft sich aus dem tiefsten Dreck nach oben zu arbeiten. Wie die Asche, aus denen Diamanten im Grunde bestanden, hatte er sich einem Phönix gleich erhoben und blendete die Welt mit seinem erhabenen Licht.
„Geht es dir nicht gut, Bella?“
Seine sanfte Frage riss mich aus meinen Gedanken und schuldbewusst pflanzte ich mir wieder ein Lächeln ins Gesicht und sah Jacob an, der noch immer beruhigend meine Hand hielt, wie er das seit Kindertagen tat.
„Doch, ich war nur kurz in Gedanken.“
Er schmunzelte, verzog seine vollen Lippen zu diesem süßen, kleinen Lächeln, welches ich so sehr an ihm liebte und zog dann meine linke Hand an seinen Mund, um diese zu küssen. Ich musste unfreiwillig schmunzeln, denn sein Versuch ein Gentleman zu sein, ging gründlich schief, als er spitzbübisch die Augenbrauen in die Höhe zog und breit grinste.
„Ich liebe dich“, murmelte er gegen meine Haut und sein warmer Atem kitzelte mich, sodass ich unfreiwillig anfing zu kichern.
„Ich dich auch.“
„Dann komm und tanz mit mir, zukünftige Mrs. Black“
„Oh, lass die Scherze, Jake!“, schollt ich ihn und verpasste ihm einen sanften Klaps gegen die Schulter. „Noch haben wir nicht geheiratet und noch kann viel passieren. Zum Beispiel müssten wir beide ein Paar sein.“
Er grinste frech, als er mich einfach hinter sich her zog und mitten auf der Tanzfläche stehen blieb. Liebevoll legte er seine Arme um mich, stützte mich mehr, als das er mich einfach nur festhielt und begann sich dann langsam mit mir im Kreis zu drehen.
„Ich verspreche dir, Bella. Nichts wird zwischen uns kommen. Wir werden mit Sicherheit heiraten, so wie wir es uns im Sandkasten geschworen haben. Charlie wäre begeistert.“
„Haha. Das war ein kindischer Pakt, den wir beide mit fünf Jahren geschlossen haben! Was bedeutet das schon?“
„Eine ganze Menge!“
Die Augenbrauen hochziehend, vergaß ich, wohin ich trat und rammte ihm förmlich den spitzen Absatz meines Schuhs in seinen.
Er wusste, dass ich eine miserable Tänzerin war und beschwerte sich nicht, während er kaum wahrnehmbar das Gesicht verzog vor Schmerz und ich mich währenddessen auch noch haltsuchend in den Ärmel seines dunkelgrauen Jacketts krallte. Mir war bereits seit der ersten Drehung schlecht und meine hohen Schuhe rutschten und stolperten unsicher über den Boden, denn ich kämpfte jede Sekunde damit, sie nicht zu verlieren. Das lange, schwarze, schulterfreie Kleid verfing sich zwischen meinen Beinen, ich sackte nach links, piepste wenig damenhaft auf, als Jacob mich rechtzeitig abfing und wurde dunkelrot im Gesicht, als ich in ein paar missbilligende Augen blickte, die zu einer älteren Dame gehörten, die sich elegant von ihrem Begleiter über die Tanzfläche führen ließ, während ich wie ein Bauerntrampel darüber stakste.
„Mein Fehler“, murmelte Jacob schnell, um den Anschein zu erwecken, er wäre das Problem, als er mich noch näher an seine Brust zog und dann wegdrehte.
„Ich bin eine wandelnde Katastrophe.“
„Quatsch, du kannst nur nicht tanzen, Bells, aber das ist alles eine Frage der Übung.“
Verschämt hob ich den Kopf, sah ihm wieder in seine sanften, dunkelbraunen Augen und versuchte mir ein Lächeln abzuringen, obwohl ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.
„Bis zur Hochzeit haben wir ja Gott sei Dank noch etwas Zeit, vielleicht lernst du es bis dahin ja noch“, zwinkerte er.
„Genau. Ich wird mir einfach einen Trainer suchen, der dir alles beibringen kann, und am Ende mit ihm durchbrennen.“
„Pffff.“
Sein Schnaufen war nur gespielt empört, denn im Gegensatz dazu, zog er mich zärtlich an sich, scherte sich nicht um Konventionen und seufzte dann wohlig auf, als ich meine Wange an seine Schulter lehnte und er sein Kinn auf meinen Kopf stützen konnte.
Auch wenn er – genauso wie ich – mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden war, zählte er zu der Sorte Mensch, die sich nicht auf den Reichtümern ihrer Familie ausruhten und so taten, als wäre der Rest der Welt unter ihrer Würde. Stattdessen wollte Jacob selbst etwas im Leben erreichen. Er tat das, indem er eben nicht an einer der renommiertesten Eliteuniversitäten des Landes studierte – so wie ich. Er hatte sich stattdessen ein staatliches College in der Heimatstadt seiner Familie ausgewählt, um schon jetzt nebenbei in der Firma seines Vaters arbeiten zu können.
Ich bewunderte ihn dafür. Liebte und schätzte ihn für seine Bescheidenheit und Freundlichkeit, denn sie begegnete einem nur selten in unserer versnobten Welt. Jacob und ich waren seit dem Windelalter die besten Freunde – wie auch unsere Väter – und je älter wir wurden, desto mehr schätze und bewunderte ich ihn. Aber Liebe? Wirkliche, leidenschaftliche Liebe, die aus dem tiefsten Herzen kam, war es nicht…
Schließlich war die Musik vorbei und das Streichquartett legte eine kleine Pause ein. Jacob führte mich von der Tanzfläche und wir schlenderten zurück zu der improvisierten Bar, an der unsere Väter standen und sich unterhielten.
„Na, Bella? Gefällt dir das Fest?“, fragte mein Vater mich und legte einen Arm um meine Schulter, als wäre ich noch ein kleines Kind.
„Ja, Dad, es ist wirklich schön.“
„Genieß es, Kleines. Schon morgen müssen wir zurück nach Manhattan.“
„Ich weiß“, flüsterte ich ihm zu und erwiderte seinen liebenden Blick. „Ist es… wegen des neuen Geschäftspartners aus London, von dem du letzte Woche gesprochen hast?“
Mein Vater runzelte irritiert die Stirn, zog mich ein Stück weit weg von Jacob und Billy und sprach dann leise weiter.
„Ja, aber bitte sei etwas leiser, Bella, das geht niemanden etwas an und ich will noch nicht, das sich herumspricht, das Belle Diamond nach Europa expandiert.“
„Entschuldige, Dad.“
„Der Mann ist gestern in New York eingetroffen. Ich hab ihn eingeladen, er müsste hier irgendwo sein.“
„Oh! Dann hast du bereits mit ihm gesprochen?“
„Nein, das Geschäftliche klären wir morgen, wenn niemand zuhören kann. Heute wird nur gefeiert, Bella.“
Ich musste schmunzeln.
„Mom wäre begeistert von dieser Aussage, Dad. Du konntest es doch bisher nie lassen auf solchen Party´s irgendwelche Transaktionen abzuschließen.“
„Richtig“, lachte er schallend. „Aber bisher ging es auch nie um eine so große Sache. Wenn der Deal mit diesem Engländer klappt, wird Belle Diamond größer denn je und De Beers kann einpacken. Schade dass das Renée nicht mehr miterleben kann.“
Wir erinnerten uns beide, teilten stumm die Erinnerungen an meine Mutter, die am wohl wichtigsten Tag in Charlie´s Leben nicht dabei sein konnte und schwiegen gemeinsam. Mitfühlend strich mein Vater mir dann über den Arm, gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn und wandte sich wieder an Billy, als dieser seinen Namen rief.
„Ich geh mich schnell etwas frisch machen“, murmelte ich leise, wartete, bis er mich verstanden hatte und lief dann in Richtung Haus.
Im Badezimmer im zweiten Stock, drang der Lärm der Party nur noch gedämpft zu mir herauf und fasziniert starrte ich eine Weile aus dem bodentiefen Fenster, während ich in den Händen ein weiches Handtuch hin und her rieb, bis mir die Reflexionen meines Armbandes ins Auge stachen. Ein Geschenk meines Vaters zu seinem eigenen Ehrentag. Ein dünnes Platinband besetzt mit reinen, weißen Diamanten, die im Licht des Kronleuchters in einem wahren Regenbogen aus Farben funkelten.
Schon immer hatte mich der Glanz dieser Steine fasziniert und in ihren Bann gezogen. Ich konnte nicht wegsehen, wenn meine Augen einen besonders schönen Diamanten erblickten. Stundenlang drehte und wendete ich ihn in meinen Fingern, ohne mich an ihm satt zu sehen. Ich war fasziniert davon, verstand nicht wirklich, wie es möglich war, so viel Licht auf so geringer Oberfläche zu brechen, sodass ein Strahlen entstand, das kein anderer Edelstein hervorbrachte. Obwohl ich natürlich die physikalischen Zusammenhänge kannte und wusste, wie die Steine über Jahrmillionen in der Erde entstanden waren, verkörperten sie für mich doch etwas Magisches, das nicht von dieser Welt war.
Und selbst dieses schlichte, dünne Band, das nur durch sein Gewicht verriet, welchen Wert es hatte, war einer dieser seltenen Schätze. An meinem schmalen rechten Arm kam es wunderbar zur Geltung und ich hätte mir niemals einen schöneres Geschenk wünschen können, obwohl ich die Tochter eines Diamantenhändler war und schon Steine gesehen hatte, die so groß waren wie Golfbälle.
Lächelnd schüttelte ich über mich selbst den Kopf, verließ schließlich das Bad und machte mich wieder auf den Weg nach unten. Inzwischen war die Sonne endgültig untergegangen, der Mond stand strahlend weiß am Himmel und keine Wolke überzog das makellose Dunkelblau über dem Atlantik.
Spontan beschloss ich, der Party noch ein paar Minuten länger fern zu bleiben, als Sehnsucht mich packte und ich meinte, das Meer nach mir rufen zu hören. Ich lief, versteckt hinter einer hohen Hecke, direkt auf die Dünen zu und schlüpfte aus meinen offenen Schuhen, als ich den kühlen Sand berührte, der das Licht des Mondes reflektierte. Da ich wusste, dass ich schnell nicht wieder die Gelegenheit haben würde den weißen Sand Long Irlands unter mir zu fühlen, wollte ich diesen einen, wunderbaren Augenblick ganz für mich allein genießen. Entschlossen raffte ich mein langes Abendkleid hoch und betrat den Strand.
Sobald ich aus der Deckung der Bäume getreten war, die Dünen sich zum Meer hin öffneten, schluckte das Rauschen des Meeres jedes andere Geräusch. Es war, als würde die Party im Haus hinter mir gar nicht stattfinden, denn weder von der Musik, noch von den Stimmen der Menschen war hier unten am Wasser etwas zu hören. Fasziniert blickte ich zurück, sah, wie die Luft über den Laternen flimmerte und fühlte mich wie in einer anderen Welt, als ich das Haus weiter hinter mir zurückließ und zum Wasser hinunter rannte.
An diesem Abend zeigte sich der sonst so wilde Atlantik von seiner sanften Seite, denn nur langsam, in kleinen Wellen, brach sich das schäumende Wasser am Strand. Es zerfloss in tausend glitzernde Punkte, befeuchtete den weißen Sand und zog sich dann wie von Geisterhand allein zurück, sodass nur Muscheln und anderes Treibgut liegen blieben.
Ich bückte mich danach, warf kleine Steinchen zurück ins Wasser und hüpfte vor den herannahenden Wellen weg, bis ich mich doch traute und meine Fußspitzen darin eintauchte. Doch der milde Frühsommerabend täuschte, das Wasser war nicht halb so warm, wie die Luft und augenblicklich zog sich eine Gänsehaut über mein Bein, als meine Zehen das eiskalte Wasser berührten. Es konnte nicht mehr als ein paar Grad über Null haben und war nicht zu vergleichen, mit der angenehmen Frische, die das Meer im Juli oder August annahm, wenn es durch die sengende Sonne aufgewärmt war.
Bibbernd und wenig ladylike fluchte ich, als ich vor Schreck meinen Saum losließ und dieser nass wurde. Erschrocken sprang ich zurück, stolperte über meine eigenen Füße und knallte im nächsten Moment gegen etwas Hartes.
„Hoppla!“, hörte ich eine überraschte Stimme sagen und zwei starke Hände packten meine Arme.
Ich hatte nicht mal Zeit zu schreien, keuchte nur überrascht auf, riss mich wieder los und kämpfte gegen mein widerspenstiges, offenes Haar, das mir der Wind ständig ins Gesicht wehte. Der helle Mond machte die Nacht förmlich zum Tag, der weiße Sand unter mir reflektierte das Licht, sodass ich mehr als deutlich erkennen konnte, dass ich einem Mann in einem dunklen Anzug gegenüber stand, der mich provozierend angrinste und auf mich zukam.
„Alles in Ordnung?“
Ich versuchte Haltung zu bewahren, straffte meine Schultern, wischte mir den feuchten Sand vom Kleid und blickte ihn direkt an.
„Ja, danke, es geht schon, Nigel.“
Er kam weiter auf mich zu, schien nicht zu bemerken, dass ich rückwärts ging, um Abstand zu bewahren und erwiderte gelassen meinen Blick, der jetzt immer misstrauischer wurde.
„Ich bin überrascht Sie hier unten anzutreffen, Miss Swan“, sprach er gedehnt und seine leicht nasale, überhebliche Stimme löste Ekel in mir aus. „Sollten Sie nicht da oben bei der Party die charmante Gastgeberin spielen?“
Er hat getrunken, schoss es mir durch den Kopf, denn sein Whiskeygeschwängerter Atem wehte mir mehr als deutlich entgegen und die Tatsache, dass er mich plötzlich siezte, obwohl er genauso alt war, wie Jacob und ich, tat ihr übriges. Meine Nackenhärchen sträubten sich, als mir bewusst wurde, dass ich mit ihm ganz allein hier am Strand war. Hilfesuchend sah ich mich um.
„Was ist? Hat es Ihnen etwa die Sprache verschlagen?“
„Nein, ich hab nur keine Lust mich mit dir zu unterhalten“, sagte ich mit fester Stimme und blieb beim einfachen Du.
Er lachte über meinen kühlen Ton, machte wieder einen Schritt auf mich zu und ließ dann blitzschnell eine Hand vorschnellen, als ich ihm ausweichen wollte.
„Nicht so schnell… Wo willst du denn hin, Schätzchen?“
„Lass mich los, Nigel!“, zischte ich, doch er packte auch mit der zweiten Hand zu und hielt mich eisern im Genick fest.
„Halt still, verdammt! Ich will doch nur einen kleinen Kuss von dir, Bella. Der ist schon lange überfällig, findest du nicht?“
Viel zu langsam sickerten seine Worte in mein Gehirn, denn mein Verstand drehte sich rasend schnell im Kreis und ich versuchte verzweifelt eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Doch Nigel Hunting war selbst im vollkommen betrunkenen Zustand wesentlich stärker als ich und ohne mit der Wimper zu zucken, zog er mich an seine Brust, sodass sein widerlicher Atem mir Übelkeit verursachte. Verzweifelt fing ich an, an seinen Armen zu zerren, würgte den bitteren Geschmack in meinem Mund herunter und stolperte über den feuchten Sand, während ich versuchte, mich von ihm zu befreien, doch sein Daumen drückte auf meine Kehle und erstickte jeden Laut, den ich ausstoßen wollte.
„Zappel nicht so! Ich tue dir schon nicht weh! Noch nicht!“, verhöhnte er mich, während sein Griff immer fester wurde.
„Nein! Nicht!“, röchelte ich und schaffte es, eine seiner Hände wegzureißen. „Ich werde schreien!“
„Tu es doch! Hier unten kann dich sowieso niemand hören!“
„Nigel, bitte!“
Echte Panik brach in mir aus, als ich merkte, wie ich schwächer wurde, je heftiger ich mich gegen ihn wehrte. Nigel packte jetzt mit einer Hand meine beiden Arme, die nach ihm schlugen und hielt sie wie im Schraubstock zusammen. Er schob mir mit der anderen Hand mein offenes Haar aus dem Gesicht. Seine wässrigen, vom Alkohol ganz glasigen Augen glitten über mein Gesicht und meinen Körper, den er jetzt – ohne Publikum – ungehindert betrachten konnte. Mir kam die Galle hoch, weil ich mich nicht vor ihm verstecken konnte.
„Endlich gehörst du mir…“, flüsterte er dann auch noch und zog mein Gesicht näher zu sich heran.
„Nein! Ich will das nicht! Lass mich los!“
„Es ist doch nur ein Kuss, Bella“, spottete er weiter und grinste verschlagen. „Nur ein kleines Küsschen als Wiedergutmachung für all die Schmach, die du mir in den letzten Monaten zugefügt hast.“
Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, sodass ich in seinen Armen für einen Moment erstarrte. Nigel Hunting – Sohn von James Hunting, Geschäftspartner meines Vaters – war schon seit langem irgendwie hinter mir her und warf mir von Zeit zu Zeit gierige Blicke zu, wann immer ich ihn zufällig traf. Doch dass er sich jetzt als gewaltbereites, ekelhaftes Monster entpuppen würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hielt ihn stets für einen harmlosen Frauenaufreißer, niemand, der mir im Schutz meines Vaters gefährlich werden konnte. Doch jetzt war dieser natürlich nicht da und Nigel hatte vollkommen recht mit seiner Aussage – wir waren ganz allein am Strand und niemand würde meine Schreie hören, wenn ich versuchen würde, gegen den Wind anzubrüllen.
Also konnte ich nichts weiter tun, als mir selbst zu helfen.
Wie eine wildgewordene Wildkatze, riss und zerrte ich wieder an seinen unerbittlichen Armen. Mit Abscheu und Ekel sah ich zu, wie seine widerlich feuchten Lippen immer näher kamen und sein Blick sich gierig verschleierte.
„Halt still, es wird dir gefallen“, säuselte er dann auch noch und zwang mir einen Kuss auf, der meinen gesamten Mageninhalt nach oben holen konnte.
Ich schrie, ich schrie stumm gegen seine rohe, überwältigende Gewalt an, biss die Zähne zusammen und verschloss meine Lippen vor seiner nassen Zunge, die darüber strich. Als würde ihm meine Gegenwehr überhaupt nicht interessieren, zwängte Nigel mit Daumen und Zeigefinger mein Kinn ein, drückte meinen Kiefer nach unten und nahm sich, was er so entsetzlich falsch begehrte. Würgend und spuckend riss ich am ihm, schrie in seinen Mund und schaffte es, meinen Kopf zur Seite zu reißen, doch meine Bewegung war zu ruckartig und heftig.
Mit einem schmerzhaften Knacken meines Rückens, fiel ich nach hinten und Nigel´s gesamtes Gewicht drückte mich in den nassen, kalten Sand. Für einen Betrunkenen war er erstaunlich schnell, geschickt und viel zu stark, denn er fasste blitzschnell wieder nach meinen beiden Händen und presste sie neben meinem Kopf in den steinigen Sand.
„Nein! Nicht! Lass mich, Nigel!“ schrie ich gegen den Wind und die Wellen und das breite Grinsen in seinem schattenhaften gesicht zeugte von keinerlei Mitleid.
„Endlich…“, meinte ich ihn murmeln zu hören, während eine seiner widerlich großen Hände über meine Arme strich, an meinem Gesicht entlang und dann über meinen Oberkörper, wobei er grob nach meiner rechten Brust griff und diese grob zu kneten begann.
Jeden Moment würde das seidene Korsett reißen. Jeden Moment würde er mich entblößen und mich vergewaltigen. In wilder Raserei warf ich den Kopf hin und her, strampelte mit den Beinen und verfing mich dabei immer mehr in diesem Wirrwarr aus Kleid und kaltem, feuchten Sand. Nigel Hunting erdrückte mich mit seinem Gewicht, hatte sich aufgerichtet und saß rittlings auf mir, sodass ich sehr deutlich spüren konnte, was er vorhatte jeden Moment in die Tat umzusetzen, als er stöhnend den Kopf wieder senken wollte, um mich zu küssen.
Aber soweit kam es nie. Ein kalter Windzug schoss an meinem Gesicht vorbei, wehte mir Sand ins Gesicht und so brauchte ich einen Moment, um zu erkennen, dass Nigel nach hinten gerissen worden war und einige Meter von mir entfernt dalag. Ein anderer, viel größerer Mann, ragte dafür über ihm auf und packte Nigel unsanft am Kragen.
„Fass sie noch einmal an und du bist tot“, grollte eine gefährlich ruhige, dunkle Stimme und ich sah fasziniert zu, wie Nigel wieder in die Luft gehoben wurde.
Er schrie erschrocken auf, kam irgendwie auf die Beine und hatte im nächsten Moment eine steinharte Faust im Gesicht. Ich zuckte zusammen, hörte wie Knochen brachen und sah, wie Blut sich über den reinen, weißen Strand verteilte. Doch der Fremde, der so unerwartet aus dem Nichts zu meiner Rettung geeilt war, hatte noch nicht genug. Wieder packte er sein Opfer am Kragen, ließ seine Faust in dessen Gesicht schießen und sah dann ungerührt zu, wie Nigel erneut auf dem feuchten Sand landete und von einer herannahenden Welle überspült wurde.
„Meine Nase! Meine Nase!“, gluckste er keuchend, spukte Wasser und Sand und kroch zurück. „Sie haben mir die Nase gebrochen!“
„Das war erst der Anfang!“
Aber bevor der Fremde Nigel nochmal packen konnte, ging ich dazwischen, rappelte mich mühsam auf und griff nach seinem Arm, ehe er wieder zuschlagen konnte.
„Halt! Genug! Sie sehen doch, dass er bereits verletzt am Boden liegt!“
„Gehen Sie mir aus dem Weg!“
„Nein!“
Und dann hob ich den Blick, hielt den Arm, der vor Anspannung unter meinem Griff zitterte, eisern fest und blickte meinem Retter zum ersten Mal direkt ins Gesicht. Mein Herz blieb stehen und die Luft entwich erschrocken aus meiner Lunge, als der weiße Mond die eiskalte Wut im Gesicht des Unbekannten reflektierte, dessen Züge scheinbar makellos und wie aus Stein gemeißelt waren. Nur eine kleine, auffällige, gezackte Narbe an der linken Schläfe entstellte die Symmetrie dieses perfekten Gesichts und brennende, dunkle Augen, dessen Farbe ich nicht definieren konnte, weil sie von unbändigem Zorn getränkt waren, bohrten sich direkt in mein tiefstes Innerstes.
„Na, Bella? Gefällt dir das Fest?“, fragte mein Vater mich und legte einen Arm um meine Schulter, als wäre ich noch ein kleines Kind.
„Ja, Dad, es ist wirklich schön.“
„Genieß es, Kleines. Schon morgen müssen wir zurück nach Manhattan.“
„Ich weiß“, flüsterte ich ihm zu und erwiderte seinen liebenden Blick. „Ist es… wegen des neuen Geschäftspartners aus London, von dem du letzte Woche gesprochen hast?“
Mein Vater runzelte irritiert die Stirn, zog mich ein Stück weit weg von Jacob und Billy und sprach dann leise weiter.
„Ja, aber bitte sei etwas leiser, Bella, das geht niemanden etwas an und ich will noch nicht, das sich herumspricht, das Belle Diamond nach Europa expandiert.“
„Entschuldige, Dad.“
„Der Mann ist gestern in New York eingetroffen. Ich hab ihn eingeladen, er müsste hier irgendwo sein.“
„Oh! Dann hast du bereits mit ihm gesprochen?“
„Nein, das Geschäftliche klären wir morgen, wenn niemand zuhören kann. Heute wird nur gefeiert, Bella.“
Ich musste schmunzeln.
„Mom wäre begeistert von dieser Aussage, Dad. Du konntest es doch bisher nie lassen auf solchen Party´s irgendwelche Transaktionen abzuschließen.“
„Richtig“, lachte er schallend. „Aber bisher ging es auch nie um eine so große Sache. Wenn der Deal mit diesem Engländer klappt, wird Belle Diamond größer denn je und De Beers kann einpacken. Schade dass das Renée nicht mehr miterleben kann.“
Wir erinnerten uns beide, teilten stumm die Erinnerungen an meine Mutter, die am wohl wichtigsten Tag in Charlie´s Leben nicht dabei sein konnte und schwiegen gemeinsam. Mitfühlend strich mein Vater mir dann über den Arm, gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn und wandte sich wieder an Billy, als dieser seinen Namen rief.
„Ich geh mich schnell etwas frisch machen“, murmelte ich leise, wartete, bis er mich verstanden hatte und lief dann in Richtung Haus.
Im Badezimmer im zweiten Stock, drang der Lärm der Party nur noch gedämpft zu mir herauf und fasziniert starrte ich eine Weile aus dem bodentiefen Fenster, während ich in den Händen ein weiches Handtuch hin und her rieb, bis mir die Reflexionen meines Armbandes ins Auge stachen. Ein Geschenk meines Vaters zu seinem eigenen Ehrentag. Ein dünnes Platinband besetzt mit reinen, weißen Diamanten, die im Licht des Kronleuchters in einem wahren Regenbogen aus Farben funkelten.
Schon immer hatte mich der Glanz dieser Steine fasziniert und in ihren Bann gezogen. Ich konnte nicht wegsehen, wenn meine Augen einen besonders schönen Diamanten erblickten. Stundenlang drehte und wendete ich ihn in meinen Fingern, ohne mich an ihm satt zu sehen. Ich war fasziniert davon, verstand nicht wirklich, wie es möglich war, so viel Licht auf so geringer Oberfläche zu brechen, sodass ein Strahlen entstand, das kein anderer Edelstein hervorbrachte. Obwohl ich natürlich die physikalischen Zusammenhänge kannte und wusste, wie die Steine über Jahrmillionen in der Erde entstanden waren, verkörperten sie für mich doch etwas Magisches, das nicht von dieser Welt war.
Und selbst dieses schlichte, dünne Band, das nur durch sein Gewicht verriet, welchen Wert es hatte, war einer dieser seltenen Schätze. An meinem schmalen rechten Arm kam es wunderbar zur Geltung und ich hätte mir niemals einen schöneres Geschenk wünschen können, obwohl ich die Tochter eines Diamantenhändler war und schon Steine gesehen hatte, die so groß waren wie Golfbälle.
Lächelnd schüttelte ich über mich selbst den Kopf, verließ schließlich das Bad und machte mich wieder auf den Weg nach unten. Inzwischen war die Sonne endgültig untergegangen, der Mond stand strahlend weiß am Himmel und keine Wolke überzog das makellose Dunkelblau über dem Atlantik.
Spontan beschloss ich, der Party noch ein paar Minuten länger fern zu bleiben, als Sehnsucht mich packte und ich meinte, das Meer nach mir rufen zu hören. Ich lief, versteckt hinter einer hohen Hecke, direkt auf die Dünen zu und schlüpfte aus meinen offenen Schuhen, als ich den kühlen Sand berührte, der das Licht des Mondes reflektierte. Da ich wusste, dass ich schnell nicht wieder die Gelegenheit haben würde den weißen Sand Long Irlands unter mir zu fühlen, wollte ich diesen einen, wunderbaren Augenblick ganz für mich allein genießen. Entschlossen raffte ich mein langes Abendkleid hoch und betrat den Strand.
Sobald ich aus der Deckung der Bäume getreten war, die Dünen sich zum Meer hin öffneten, schluckte das Rauschen des Meeres jedes andere Geräusch. Es war, als würde die Party im Haus hinter mir gar nicht stattfinden, denn weder von der Musik, noch von den Stimmen der Menschen war hier unten am Wasser etwas zu hören. Fasziniert blickte ich zurück, sah, wie die Luft über den Laternen flimmerte und fühlte mich wie in einer anderen Welt, als ich das Haus weiter hinter mir zurückließ und zum Wasser hinunter rannte.
An diesem Abend zeigte sich der sonst so wilde Atlantik von seiner sanften Seite, denn nur langsam, in kleinen Wellen, brach sich das schäumende Wasser am Strand. Es zerfloss in tausend glitzernde Punkte, befeuchtete den weißen Sand und zog sich dann wie von Geisterhand allein zurück, sodass nur Muscheln und anderes Treibgut liegen blieben.
Ich bückte mich danach, warf kleine Steinchen zurück ins Wasser und hüpfte vor den herannahenden Wellen weg, bis ich mich doch traute und meine Fußspitzen darin eintauchte. Doch der milde Frühsommerabend täuschte, das Wasser war nicht halb so warm, wie die Luft und augenblicklich zog sich eine Gänsehaut über mein Bein, als meine Zehen das eiskalte Wasser berührten. Es konnte nicht mehr als ein paar Grad über Null haben und war nicht zu vergleichen, mit der angenehmen Frische, die das Meer im Juli oder August annahm, wenn es durch die sengende Sonne aufgewärmt war.
Bibbernd und wenig ladylike fluchte ich, als ich vor Schreck meinen Saum losließ und dieser nass wurde. Erschrocken sprang ich zurück, stolperte über meine eigenen Füße und knallte im nächsten Moment gegen etwas Hartes.
„Hoppla!“, hörte ich eine überraschte Stimme sagen und zwei starke Hände packten meine Arme.
Ich hatte nicht mal Zeit zu schreien, keuchte nur überrascht auf, riss mich wieder los und kämpfte gegen mein widerspenstiges, offenes Haar, das mir der Wind ständig ins Gesicht wehte. Der helle Mond machte die Nacht förmlich zum Tag, der weiße Sand unter mir reflektierte das Licht, sodass ich mehr als deutlich erkennen konnte, dass ich einem Mann in einem dunklen Anzug gegenüber stand, der mich provozierend angrinste und auf mich zukam.
„Alles in Ordnung?“
Ich versuchte Haltung zu bewahren, straffte meine Schultern, wischte mir den feuchten Sand vom Kleid und blickte ihn direkt an.
„Ja, danke, es geht schon, Nigel.“
Er kam weiter auf mich zu, schien nicht zu bemerken, dass ich rückwärts ging, um Abstand zu bewahren und erwiderte gelassen meinen Blick, der jetzt immer misstrauischer wurde.
„Ich bin überrascht Sie hier unten anzutreffen, Miss Swan“, sprach er gedehnt und seine leicht nasale, überhebliche Stimme löste Ekel in mir aus. „Sollten Sie nicht da oben bei der Party die charmante Gastgeberin spielen?“
Er hat getrunken, schoss es mir durch den Kopf, denn sein Whiskeygeschwängerter Atem wehte mir mehr als deutlich entgegen und die Tatsache, dass er mich plötzlich siezte, obwohl er genauso alt war, wie Jacob und ich, tat ihr übriges. Meine Nackenhärchen sträubten sich, als mir bewusst wurde, dass ich mit ihm ganz allein hier am Strand war. Hilfesuchend sah ich mich um.
„Was ist? Hat es Ihnen etwa die Sprache verschlagen?“
„Nein, ich hab nur keine Lust mich mit dir zu unterhalten“, sagte ich mit fester Stimme und blieb beim einfachen Du.
Er lachte über meinen kühlen Ton, machte wieder einen Schritt auf mich zu und ließ dann blitzschnell eine Hand vorschnellen, als ich ihm ausweichen wollte.
„Nicht so schnell… Wo willst du denn hin, Schätzchen?“
„Lass mich los, Nigel!“, zischte ich, doch er packte auch mit der zweiten Hand zu und hielt mich eisern im Genick fest.
„Halt still, verdammt! Ich will doch nur einen kleinen Kuss von dir, Bella. Der ist schon lange überfällig, findest du nicht?“
Viel zu langsam sickerten seine Worte in mein Gehirn, denn mein Verstand drehte sich rasend schnell im Kreis und ich versuchte verzweifelt eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Doch Nigel Hunting war selbst im vollkommen betrunkenen Zustand wesentlich stärker als ich und ohne mit der Wimper zu zucken, zog er mich an seine Brust, sodass sein widerlicher Atem mir Übelkeit verursachte. Verzweifelt fing ich an, an seinen Armen zu zerren, würgte den bitteren Geschmack in meinem Mund herunter und stolperte über den feuchten Sand, während ich versuchte, mich von ihm zu befreien, doch sein Daumen drückte auf meine Kehle und erstickte jeden Laut, den ich ausstoßen wollte.
„Zappel nicht so! Ich tue dir schon nicht weh! Noch nicht!“, verhöhnte er mich, während sein Griff immer fester wurde.
„Nein! Nicht!“, röchelte ich und schaffte es, eine seiner Hände wegzureißen. „Ich werde schreien!“
„Tu es doch! Hier unten kann dich sowieso niemand hören!“
„Nigel, bitte!“
Echte Panik brach in mir aus, als ich merkte, wie ich schwächer wurde, je heftiger ich mich gegen ihn wehrte. Nigel packte jetzt mit einer Hand meine beiden Arme, die nach ihm schlugen und hielt sie wie im Schraubstock zusammen. Er schob mir mit der anderen Hand mein offenes Haar aus dem Gesicht. Seine wässrigen, vom Alkohol ganz glasigen Augen glitten über mein Gesicht und meinen Körper, den er jetzt – ohne Publikum – ungehindert betrachten konnte. Mir kam die Galle hoch, weil ich mich nicht vor ihm verstecken konnte.
„Endlich gehörst du mir…“, flüsterte er dann auch noch und zog mein Gesicht näher zu sich heran.
„Nein! Ich will das nicht! Lass mich los!“
„Es ist doch nur ein Kuss, Bella“, spottete er weiter und grinste verschlagen. „Nur ein kleines Küsschen als Wiedergutmachung für all die Schmach, die du mir in den letzten Monaten zugefügt hast.“
Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, sodass ich in seinen Armen für einen Moment erstarrte. Nigel Hunting – Sohn von James Hunting, Geschäftspartner meines Vaters – war schon seit langem irgendwie hinter mir her und warf mir von Zeit zu Zeit gierige Blicke zu, wann immer ich ihn zufällig traf. Doch dass er sich jetzt als gewaltbereites, ekelhaftes Monster entpuppen würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hielt ihn stets für einen harmlosen Frauenaufreißer, niemand, der mir im Schutz meines Vaters gefährlich werden konnte. Doch jetzt war dieser natürlich nicht da und Nigel hatte vollkommen recht mit seiner Aussage – wir waren ganz allein am Strand und niemand würde meine Schreie hören, wenn ich versuchen würde, gegen den Wind anzubrüllen.
Also konnte ich nichts weiter tun, als mir selbst zu helfen.
Wie eine wildgewordene Wildkatze, riss und zerrte ich wieder an seinen unerbittlichen Armen. Mit Abscheu und Ekel sah ich zu, wie seine widerlich feuchten Lippen immer näher kamen und sein Blick sich gierig verschleierte.
„Halt still, es wird dir gefallen“, säuselte er dann auch noch und zwang mir einen Kuss auf, der meinen gesamten Mageninhalt nach oben holen konnte.
Ich schrie, ich schrie stumm gegen seine rohe, überwältigende Gewalt an, biss die Zähne zusammen und verschloss meine Lippen vor seiner nassen Zunge, die darüber strich. Als würde ihm meine Gegenwehr überhaupt nicht interessieren, zwängte Nigel mit Daumen und Zeigefinger mein Kinn ein, drückte meinen Kiefer nach unten und nahm sich, was er so entsetzlich falsch begehrte. Würgend und spuckend riss ich am ihm, schrie in seinen Mund und schaffte es, meinen Kopf zur Seite zu reißen, doch meine Bewegung war zu ruckartig und heftig.
Mit einem schmerzhaften Knacken meines Rückens, fiel ich nach hinten und Nigel´s gesamtes Gewicht drückte mich in den nassen, kalten Sand. Für einen Betrunkenen war er erstaunlich schnell, geschickt und viel zu stark, denn er fasste blitzschnell wieder nach meinen beiden Händen und presste sie neben meinem Kopf in den steinigen Sand.
„Nein! Nicht! Lass mich, Nigel!“ schrie ich gegen den Wind und die Wellen und das breite Grinsen in seinem schattenhaften gesicht zeugte von keinerlei Mitleid.
„Endlich…“, meinte ich ihn murmeln zu hören, während eine seiner widerlich großen Hände über meine Arme strich, an meinem Gesicht entlang und dann über meinen Oberkörper, wobei er grob nach meiner rechten Brust griff und diese grob zu kneten begann.
Jeden Moment würde das seidene Korsett reißen. Jeden Moment würde er mich entblößen und mich vergewaltigen. In wilder Raserei warf ich den Kopf hin und her, strampelte mit den Beinen und verfing mich dabei immer mehr in diesem Wirrwarr aus Kleid und kaltem, feuchten Sand. Nigel Hunting erdrückte mich mit seinem Gewicht, hatte sich aufgerichtet und saß rittlings auf mir, sodass ich sehr deutlich spüren konnte, was er vorhatte jeden Moment in die Tat umzusetzen, als er stöhnend den Kopf wieder senken wollte, um mich zu küssen.
Aber soweit kam es nie. Ein kalter Windzug schoss an meinem Gesicht vorbei, wehte mir Sand ins Gesicht und so brauchte ich einen Moment, um zu erkennen, dass Nigel nach hinten gerissen worden war und einige Meter von mir entfernt dalag. Ein anderer, viel größerer Mann, ragte dafür über ihm auf und packte Nigel unsanft am Kragen.
„Fass sie noch einmal an und du bist tot“, grollte eine gefährlich ruhige, dunkle Stimme und ich sah fasziniert zu, wie Nigel wieder in die Luft gehoben wurde.
Er schrie erschrocken auf, kam irgendwie auf die Beine und hatte im nächsten Moment eine steinharte Faust im Gesicht. Ich zuckte zusammen, hörte wie Knochen brachen und sah, wie Blut sich über den reinen, weißen Strand verteilte. Doch der Fremde, der so unerwartet aus dem Nichts zu meiner Rettung geeilt war, hatte noch nicht genug. Wieder packte er sein Opfer am Kragen, ließ seine Faust in dessen Gesicht schießen und sah dann ungerührt zu, wie Nigel erneut auf dem feuchten Sand landete und von einer herannahenden Welle überspült wurde.
„Meine Nase! Meine Nase!“, gluckste er keuchend, spukte Wasser und Sand und kroch zurück. „Sie haben mir die Nase gebrochen!“
„Das war erst der Anfang!“
Aber bevor der Fremde Nigel nochmal packen konnte, ging ich dazwischen, rappelte mich mühsam auf und griff nach seinem Arm, ehe er wieder zuschlagen konnte.
„Halt! Genug! Sie sehen doch, dass er bereits verletzt am Boden liegt!“
„Gehen Sie mir aus dem Weg!“
„Nein!“
Und dann hob ich den Blick, hielt den Arm, der vor Anspannung unter meinem Griff zitterte, eisern fest und blickte meinem Retter zum ersten Mal direkt ins Gesicht. Mein Herz blieb stehen und die Luft entwich erschrocken aus meiner Lunge, als der weiße Mond die eiskalte Wut im Gesicht des Unbekannten reflektierte, dessen Züge scheinbar makellos und wie aus Stein gemeißelt waren. Nur eine kleine, auffällige, gezackte Narbe an der linken Schläfe entstellte die Symmetrie dieses perfekten Gesichts und brennende, dunkle Augen, dessen Farbe ich nicht definieren konnte, weil sie von unbändigem Zorn getränkt waren, bohrten sich direkt in mein tiefstes Innerstes.
***
Der Tag des Zornes. Jener Tag wird die Welt in Asche auflösen.


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